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Antibiotika im Hühnerfleisch

Foto: LianeM - Fotolia

In jedem zweiten Supermarkt-Hähnchen haben Tierschützer antibiotika-resistente Keime entdeckt. Vielen ist der Appetit auf Hähnchenfleisch deshalb gründlich vergangen. Die einen sprechen von einem "erschreckenden" Fund, andere dagegen von Angstmache.

Klar ist: die Meldungen über den neuen Geflügelskandal verunsichern uns Verbraucher. Welches Geflügel ist unbedenklich? Was passiert, wenn ich die belastetes Fleisch esse?

Hier die wichtigsten Fragen und Antworten:

Um welche Keime geht es?
Die Umweltorganisation BUND hat Geflügelfleisch aus verschiedenen Supermärkten untersucht, das Ergebnis: in der Hälfte der 20 Proben wurden sogenannte ESBL-Keime entdeckt, die im Fall einer Infektion nicht mit Penicillin behandelbar sind.  In zwei der Stichproben wurden sogenannte multiresistente MRSA-Keime ("Krankenhauskeime") gefunden, die im Falle einer Erkrankung nur mit sehr wenigen teuren Antibiotika bekämpft werden können. Viele gesunde Menschen überstehen den Kontakt mit solchen Keimen völlig folgenlos. Beide Bakterien können aber laut dem Robert–Koch-Institut eine Vielzahl von Erkrankungen, von der einfachen Erkältung bis zur schweren Blutvergiftung, auslösen. Wichtig für die Behandlung ist, dass die Mediziner in schweren Fällen den Keim genau diagnostizieren.

Wie groß ist das Risiko?
Die antibiotikaresistenten Keime können für jeden Menschen gefährlich werden, der eine immunschwächende Krankheit wie zum Beispiel eine Lungen- oder eine Blasenentzündung hat und daher mit Antibiotika behandelt werden muss. Weil die Keime widerstandsfähig (resistent) gegen Antibiotika sind, ist eine Behandlung mit gängigen Medikamenten dann nicht möglich. In Einzelfällen können die Krankheiten dann schwere Verläufe nehmen und sogar zum Tod führen. Laut BUND sterben in Europa jährlich 25 000 Menschen, weil ihnen die verordneten Antibiotika nicht helfen. Wie es zu dieser Antibiotikaresistenz kommt, würde jedoch nicht genügend erfasst. 

Wie gefährlich ist der Verzehr?
Wer mit Keimen belastetes Fleisch isst, wird wahrscheinlich nicht davon krank. Die Gefahr besteht eher darin, die Mikroben unbemerkt zu verschleppen, zum Beispiel wenn beim Kochen resistente Keime an die Finger gelangen. Dort können sie über kleine Wunden in den Körper eindringen oder aber man kann sie auf andere Personen übertragen, was vor allem geschwächten Menschen und Kranken gefährlich werden kann. Wenn man befallenes Fleisch gründlich erhitzt, werden die darauf sitzenden Keime abgetötet. Grundsätzlich steigt das Risiko mit der Menge der Mikroben. Wie stark die aktuellen Proben belastet waren, ist noch nicht bekannt.

Worauf sollte ich in der Küche achten?
Die Bakterien werden durch Hitze getötet - das Geflügel sollte also stets gut durchgegart werden. Erst wenn der austretende Saft klar und nicht mehr rot ist, sind alle Krankheitskeime abgetötet und damit ist auch die Antibiotika-Resistenz kein Problem mehr. Wichtig ist, dass kein roher Fleischsaft auf andere Lebensmittel beziehungsweise Küchen-Utensilien geraten darf. Also: Messer, Spülbecken und Schneidebrett nach der Fleischzubereitung mit heißem Wasser reinigen. Auch die Hände sollte man sich immer wieder gut waschen, insbesondere bevor man andere Lebensmittel anfasst. Frisches Geflügelfleisch sollte bei maximal +4 °C aufbewahrt werden - und vor Ablauf des Mindesthaltsbarkeitsdatums verarbeitet werden. Rohes Fleisch sollte getrennt von anderen Lebensmitteln wie Salat und Gemüse lagern. Verpackung und Auftauwasser müssen gleich entsorgt werden. 

Sind Bio-Hähnchen unbedenklich?
Grundsätzlich dürfen auch Biobetriebe Antibiotika einsetzen. Allerdings gelten hier strengere Vorschriften als bei konventionelle Mastbetriebe. Weil Bio-Geflügel unter besseren Bedingungen und in kleineren Beständen gehalten wird, sind die Tiere generell gesünder und brauchen daher weniger Medikamente. Außerdem dürfen Antibiotika nur als letztes Mittel bei kranken Tieren eingesetzt werden. Bekommt ein Hähnchen zum zweiten Mal Antibiotika, darf der Erzeuger das Fleisch nicht mehr als Biofleisch verkaufen. Laut BUND gilt grundsätzlich: Je kleiner der Mastbetrieb umso geringer ist das Risiko, dass Medikamente bei der Geflügelmast verwendet werden.

Welche anderen Lebensmitteln können noch betroffen sein?
Das Problem besteht bei den meisten Geflügelsorten wie zum Beispiel auch Pute. Laut BUND werden aber auch Schweine und Rinder mit Antibiotika behandelt. Riskant sind generell tierische Lebensmittel wie Fleisch, Eier und Milch. Die Bakterien lassen sich aber durch Kochen, Braten und Pasteurisieren abtöten. Salat, Gemüse und Obst können belastet sein, wenn sie in der Küche mit Utensilien in Kontakt kommen, die vorher für Fleisch benutzt wurden.

Warum werden Antibiotika überhaupt in der Tierhaltung verwendet?
Antibiotika wurden in der Tiermast jahrzehntelang oft als wachstumsfördernder Futterzusatz eingesetzt. Erst seit 2006 hat die EU dies verboten und erlaubt nur noch die Verwendung als Medikament gegen Erkrankungen. Oft werden bei Infektionen einzelner Tiere ganze Bestände oder große Gruppen über das Trinkwasser präventiv mitbehandelt. Bei der Massentierhaltung befinden sich auf einem Quadratmeter bis zu 24 Hühner. Die Tiere werden krank und stecken sich auf kleinstem Raum gegenseitig an. Würden die Tiere nicht mit Medikamenten behandelt werden, würden es die meisten nicht bis zur Schlachtbank schaffen.


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