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Julia und der Feilsch-Test

"Geht da noch was?" Julia Winterfeld feilscht sich durch den SSV


 

Zugegeben – eine Überwindung ist es. Eine große sogar. Denn um ein paar Euros zu feilschen, sich die Blöße geben, ein kleiner Geizkragen zu sein – das ist nicht wenigen Menschen unangenehm. Trotzdem habe ich es versucht – und bin in einigen Geschäften sogar erfolgreich gewesen!

Station 1: ein großes Modehaus direkt am Dorstener Marktplatz. Mir gefällt eine weiße Bluse, sie ist bereits im Preis reduziert – 39,90 Euro statt 59,50 Euro soll sie kosten. Aber geht da noch mehr? Vielleicht 35 Euro? Ich frage die junge Verkäuferin, die mich direkt zur Chefin weiterschickt. Aber bei ihr beiße ich auf Granit: „Tut mir leid, da können wir nichts mehr machen, Anweisung von oben. Unsere Zentrale in Bottrop legt die Preise fest, und daran müssen wir uns halten.“ Ob ich nicht vielleicht eine Kundenkarte möchte? Damit könnte ich Punkte sammeln und auf Dauer ein paar Prozente bekommen. Äh, nein Danke. Ich wollte eigentlich nur die weiße Bluse. Also weiter in der Fußgängerzone zu…

Station 2: die Parfümerie. Auch hier: Sommerangebote und Ausverkaufsschilder, der Eingangsbereich lockt mit verschiedenen Auslagen. Der Begriff „Wühltisch“ kommt mir in den Sinn, und tatsächlich – ganz vorne gibt es Herren-Düfte für sagenhafte 5,95 Euro. Weder Marke noch Design machen mich irgendwie an, das Zeug muss anscheinend einfach nur raus. Also frage ich die Verkäuferin ganz unschuldig, ob sie mir zwei für zehn Euro mitgibt – aber bevor ich den Satz beendet habe, schüttelt sie energisch den Kopf. Das sei schon so stark reduziert, und außerdem würde das Geschäft mit den Billig-Duftwässerchen blendend laufen, da sei ein weiterer Rabatt gar nicht nötig. Aha.

Station 3: der Blumenladen. Zehn Rosen für 2,99 Euro? Ein fairer Preis, möchte man meinen. Aber mir ist es noch zu teuer. Ich hätte leider nur noch 2,50 Euro im Portemonnaie, könnte man da nicht…? Nein, die eindeutige Antwort. Das sei doch schon so billig. Sicher, wenn ich in großen Mengen Blumen einkaufen würde, gebe es einen Mengenrabatt. Meinen dezenten Hinweis, dass die Rosen doch bestimmt schon seit heute Morgen hier stünden und sicher schon das eine oder andere Blütenblatt locker sei, bügelt die Floristik-Fachfrau mit einem mitleidigen Lächeln ab. Also keine Rosen.

Station 4: der Buchladen. Normalerweise gilt bei Büchern der Festpreis, der auf der Buchmesse festgelegt wird. So sind kleinere Läden vor Tiefstpreis-Attacken der großen Ketten geschützt. Aber bei Mängelexemplaren gilt nach wie vor: Handeln erlaubt! Und der nette Verkäufer an der Kasse lässt sich auch tatsächlich darauf ein. Sicher, er müsse erst mal den Chef fragen, aber „Die Einsamkeit der Primzahlen“ von Paolo Giordano bekomme ich auch für 6 statt für 7,99 Euro. „Mängelexemplar“ heißt hier: kleine Schäden am Einband, Restauflage oder leicht angegilbtes Papier. Auf keinen Fall fehlende Seiten, versichert mir der Bücherexperte. Puh. Schön! Mein erster Feilsch-Erfolg! Das muss gefeiert werden an…

Station 5: das Eiscafé. Feilschen in der Eisdiele? Das fällt doch nur besonders dreisten Mitmenschen ein… oder mir. Mit liebreizendem Augenaufschlag erkläre ich dem Gelatiero hinter der Theke, dass ich leider nur noch 1,50 Euro habe… aber die Kugeln kosten 80 Cent, und ich hätte doch so gern zwei! Die Antwort überrascht mich: „Klar. Bitte schön.“ Auf Nachfrage – diesmal mit Mikrofon – erklärt er mir, dass ein paar Cent zu wenig kein Problem seien – aber es komme auch immer auf den Kunden an… ich nehme das mal als Kompliment.

Station 6: die Bäckerei. Ein kompletter Reinfall. Hier hat anscheinend noch niemand gefeilscht, anders kann ich mir den irritiert-belustigt-mitleidigen Blick der Fachverkäuferin nicht erklären. 10 Brötchen für 2,95 – gerne. 10 Brötchen für 2,70 – no way. Auch das belegte Käsebaguette bekomme ich nicht zum Freundschaftspreis. Wer 10 Cent zu wenig hat, hat eben Pech gehabt. (Ab morgen lasse ich mir den einen Cent Wechselgeld bei der 79-Cent-Brezel zurückgeben, aber hallo!)

Station 7: der Schuhladen. Es muss wohl am enttäuschenden Juliwetter liegen, dass es noch Sommerschläppchen in Hülle und Fülle gibt – und alle stark reduziert! Ein Paar Plateausandalen mit Flechtsohle (29,90 – vorher 49,90) haben es mir angetan – und jetzt passiert etwas Sensationelles: Die Verkäuferin bietet mir VON SICH AUS einen zusätzlichen Rabatt an! „Hier steht ja immer nur der rechte Schuh im Regal, der wurde schon von sehr vielen Leuten anprobiert und ist ein bisschen abgenutzt… ich geb’ Ihnen noch mal zehn Prozent.“ Wahnsinn! Es passieren eben noch Wunder, auch in Recklinghausen.

Station 8: eine kleine Modeboutique in der Krim. Viele bunte Sommerkleider, und die müssen raus, raus, raus! Teilweise gibt es schon saftige Rabatte, aber ich will noch mehr herausquetschen. Das blaue Fähnchen aus Chiffon – kriege ich das auch für 20 statt 30 Euro? „Das nicht, das habe ich nur noch einmal da… aber wenn es von einem Teil noch mehrere Exemplare gibt, können wir schon noch mal über den Preis reden“. Besser so. Hätte eh nach Presswurst ausgesehen.

Station 9: Der Friseur. Waschen-Schneiden-Föhnen soll hier 46 Euro kosten. Lässt sich der geschäftstüchtige Hairstylist von heute auch auf glatte 40 Euro ein? „Nein, auf keinen Fall. Aber wenn Sie mögen, mache ich einen Trockenschnitt, das kostet dann nur 28 Euro!“ Immerhin hat er mir eine günstigere Dienstleistung angeboten. „Und schauen Sie mal, Haarschmuck und Bürsten haben wir auch gerade im Angebot, alles 50 Prozent!“ Okay.. 46 Euro fürs Komplettpaket und Sie legen noch eine Volumenbürste obendrauf? „Nee… also, DAS geht nicht.“ Hm.

Station 10: der Lebensmittelmarkt. Wer käme hier schon auf die Idee, an der Kasse über den Preis zu verhandeln? Ich probiere es einfach mal. Der Lammrücken aus der Tiefkühltruhe soll 14,65 Euro kosten, mehr als 12 Euro ist er mir aber nicht wert! Der Verkäufer schaut schräg, belehrt mich dann aber geduldig, warum er hier KEINEN Rabatt gewähren kann. „Stellen Sie sich mal vor, Sie verderben sich den Magen da dran. Und dann sagen Sie, dass ich es Ihnen billiger verkauft habe, und dann bin ich dran.“ Leuchtet mir… nicht so ganz ein. Immerhin: Ware, die kurz vor dem Ablaufdatum steht, sei schon mal billiger zu haben.

Station 11: der Elektro-Discounter. Hier sieht alles nach Schlussverkauf aus, rund ums Jahr wird man mit Sonder-Extra-Rabatt-Super-Billig-Angeboten bombardiert. Aber was ist, wenn ich versuche, den reduzierten Preis noch zu drücken? Überraschenderweise lässt sich der Verkäufer bequatschen! Den MP3-Player, der von 177 auf 157 Euro reduziert war, bekomme ich für glatte 150 Euro. Für den Herrn im roten T-Shirt ist die Pfennigfuchserei nichts Neues. „Ständig wollen die Leute mit mir feilschen. Aber wer es nicht versucht, ist ja auch blöd!“

Mein Fazit: natürlich ist feilschen, handeln und Preisdrückerei ein bisschen peinlich – gerade bei billigen Artikeln. Aber auch als schüchterner Mensch sollte man ruhig mal über seinen Schatten springen und fragen: „Geht da noch was?“. Es tut nicht weh, mehr als „Nein“ kann der Verkäufer nicht erwidern - und wie sagte Mama früher immer so schön: Fragen kostet nix! Viel Spaß bei der Schnäppchenjagd!

 

Richtig feilschen: Unsere Profi-Tipps

"Wir sind doch hier nicht auf dem Basar!" Nein, aber im deutschen Einzelhandel. Und da ist Feilschen durchaus erlaubt! Allerdings tun es nicht viele - laut einer Emnid-Studie tun es nur rund 18 Prozent der Deutschen.

Dabei ist Feilschen gar nicht so schwer. Hier einige Tipps:

-Warten Sie den richtigen Zeitpunkt ab. Unter der Woche ist Feilschen wahrscheinlich einfacher als am Wochenende, wenn großer Stress herrscht! Nutzen Sie am besten eine ruhige Minute, um auf einen Verkäufer zuzugehen.

-Informieren Sie sich vorher, wie viel der gewünschte Artikel wirklich wert ist - und welcher Preis realistisch, zum Beispiel bei großen Elektrogeräten oder Möbeln. Hilfreiche Internetseiten sind zum Beispiel www.idealo.de, www.guenstiger.de oder www.billiger.de.

-Lassen Sie sich mit dem Handeln Zeit. Sie sollten nicht schon an der Tür laut nach einem Rabatt fragen, sondern lieber deutlich machen, dass Ihnen der Artikel gefällt, dass Sie aber leider nicht mehr als eine bestimmte Summe ausgeben wollen.

-Seien Sie nicht zu überschwänglich. Wenn der Verkäufer merkt, dass Sie den Artikel ohnehin kaufen und nur "aus Spaß" feilschen, wird er mit dem Preis wohl nicht heruntergehen. Deswegen: zeigen Sie nur nur mäßiges Interesse und stellen Sie klar, dass Sie sich auch für die Angebote der Konkurrenz interessieren.

-Handeln Sie Extras aus. Wenn beim Preis nichts mehr geht, könnte der Händler Ihnen mit kostenlosem Zubehör entgegenkommen, zum Beispiel Pflegemittel für die neuen Schuhe.

-Finden Sie den Fehler. Kleine Mängel an der Ware, zum Beispiel eine offene Naht oder ein abgetrennter Knopf, sind fast schon Garanten für einen Extra-Rabatt.

-"Kann ich Ihren Vorgesetzten sprechen?" Der Chef hat meistens mehr Entscheidungsgewalt in Sachen Preise - und ihm liegt es auch am Herzen, dass ein Kunde zufrieden nach Hause geht.

-Seien Sie freundlich! Auch beim Handeln gilt: der Ton macht die Musik. Und mit einem Lächeln funktioniert auch das Feilschen besser!

 

 

 

 

Online-Feilschen: auch hier gibt es Rabatte!

Wie eine Stichprobe der Verbraucherzentrale NRW zeigt, lohnt es sich, nicht nur im Geschäft um die Ecke zu handeln. Auch im Internet sind die meisten Händler bereit, auf Anfrage Rabatte einzuräumen.

Begünstigt durch Finanzkrise und Kaufunlust sind viele Anbieter schnell bereit, Rabatte einzuräumen. 60 Verkäufer von Fahrrädern und Küchengeräten, vom großen Online-Shop bis zum kleinen Online-Krämerladen, wurden von der Verbraucherzentrale per E-Mail um einen Rabatt von 10 Prozent gebeten, darunter Produkte wie Mountainbikes, Cityräder, Mikrowellen oder Kaffeevollautomaten.

In den meisten Fällen ließen die Anbieter durchaus mit sich handeln. Lediglich zehn der 60 angeschriebenen Händler gaben keine Antwort. Dagegen zeigte sich jeder dritte Händler bereit, den Preis zu senken, sogar mehr als angefragt. Auch Angebote von Gratis-Zugaben fehlten nicht.

Durchschnittlich wurde ein Rabatt von sieben Prozent gewährt. Dabei zeigten sich die kleineren Shops großzügiger als die großen Vertreter. Die höchsten Rabatte wurden bei Fahrrädern angeboten. Preisnachlässe zwischen zehn und 190 Euro waren laut Verbraucherschützer drin.

 

 


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